Zur künftigen Entwicklung der Studierendenzahlen in Sachsen-Anhalt. Prognosen und Handlungsoptionen

11.04.2006 -  

Expertise von HoF - Institut für Hochschulforschung Wittenberg im Auftrag der Landesrektorenkonferenz von Sachsen-Anhalt

 

Zusammenfassung
  1. Der starke Geburtenrückgang in Sachsen-Anhalt seit 1990/91 wird sich ab demWintersemester 2009/10 auf die Studienanfängerzahlen auswirken. Alle Berechnungs-varianten führen zu dem einhelligen Ergebnis, dass sich die Nachfrage nach Studien-plätzen durch Landeskinder ab 2010 nahezu halbieren wird.
  2. Bis 2009/10 ist, auch wegen des doppelten Abiturjahrganges 2007, mit einer sehr starken Nachfrage von Studienanfängern an den Hochschulen in Sachsen-Anhalt zu rechnen. Das gilt insbesondere auch dann, wenn das Studium in Sachsen-Anhalt im Unterschied zu anderen Bundesländern noch gebührenfrei bleiben sollte.
  3. Dabei wird den Jahren 2007 und 2008 in Sachsen-Anhalt die Nachfrage nach Studien-plätzen durch eigene Landeskinder um fast die Hälfte zunehmen. Das kann zu einer vorübergehenden Verschärfung der Zulassungsbeschränkungen und/oder zur Verschlech-terung der Studienbedingungen führen, wenn es zu keiner (zumindest temporären) Aufstockung des Lehrpersonals der Hochschulen kommt.
  4. Mit der nach bisheriger Planung ebenfalls in diesen Zeitraum fallenden flächendeckenden Einführung und Erprobung von Bachelor-Studiengängen wird es nach aller Voraussicht zu einer Erhöhung des Betreuungsaufwandes kommen. Der Wissenschaftsrat gibt hierfür einen zusätzlichen Kapazitätsbedarf zwischen 15% und 25% an.
  5. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass die Hochschulen in Sachsen-Anhalt in den Jahren bis 2010 vor allem mit der Bewältigung kurzfristiger Überlast- und Finanzierungs-probleme beschäftigt sein werden. Die Gefahr besteht, dass es genau in diesem kritischen Zeitraum an unmittelbaren Anreizen fehlen wird, mehr Studierende von außen nach Sachsen-Anhalt zu holen.
  6. Hinzu kommt, dass sich der demografische Einbruch erst mit einer Zeitverzögerung spürbar auf die Gesamtzahl der Studierenden in Sachsen-Anhalt auswirken wird, weil die noch vorhandenen höheren Semesterjahrgänge stärker besetzt sind. Der Rückgang der Gesamtstudierendenzahl wird deshalb erst ab 2012 wirklich spürbar werden. Das Risiko ist somit gegeben, dass die betroffenen hochschulpolitischen Akteure sich zu lange durch die vordergründige „Normalität“ des Studienbetriebes über die Dramatik der Situation hinwegtäuschen lassen könnten.
  7. Alle prognostischen Berechnungen laufen darauf hinaus, dass ab dem Wintersemester 2010/2011 in Sachsen-Anhalt ein Studierendenaufkommen in der heutigen Größen-ordnung nur noch dann erreicht werden kann, wenn es den sachsen-anhaltischen Hoch-schulen gelingt, Studierende von außerhalb, vor allem aus den alten Bundesländern, für sich zu gewinnen.
  8. Nach den neuesten Berechnungen der KMK (2005) dürfte es in den alten Bundesländern bis etwa 2014 eine stark erhöhte Nachfrage nach Studienplätzen geben, die dort zumindest zur Zeit nicht vorhanden sind. Ein Teil dieser Studienberechtigten könnte den Weg nach Sachsen-Anhalt finden, sofern die hiesigen Hochschulen dann (noch) für sie attraktiv und aufnahmebereit sind.
  9. Die Empfehlung des Wissenschaftsrates (2006a: 7) für die neuen Länder lautet: „Die Studienplatzkapazitäten sollten trotz des Rückgangs studienberechtigter Landeskinder möglichst weitgehend beibehalten werden. Denn die Gewinnung zusätzlicher Studierender aus den alten Ländern liegt im wohlverstandenen eigenen Interesse der neuen Länder. Damit leisten die neuen Länder auch einen wesentlichen Beitrag zu der Bewältigung der in Deutschland insgesamt steigenden Studienanfängerzahlen.“
  10. Wenn man von dem Grundsatz ausgeht, dass funktionsfähige Hochschulen zu den wichtigsten Katalysatoren für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung einer Region gehören, dann haben das Land Sachsen-Anhalt und seine Hochschulen ein vitales Interesse daran, diese Wissenschaftsratsempfehlung zu befolgen. Gelingt ihnen dies nicht, werden sie im innerdeutschen Standortwettbewerb weiter zurückfallen.
  11. Um das zu erreichen, ist es geboten, bereits vor dem sichtbaren Eintreten der demo-grafischen Krise also: ab sofort dafür zu sorgen, dass der Zustrom von Studierenden nach Sachsen-Anhalt nicht abreißt. Denn: Das Zeitfenster für die Gewinnung zusätzlicher Studierender aus westlich und südlich gelegenen Bundesländern wird nur bis etwa 2014 geöffnet sein.
  12. Auch in den Jahren 2007 und 2008, wenn die Zahl der Studieninteressenten aus Sachsen-Anhalt sich stark erhöhen wird, ist es deshalb erforderlich, möglichst viele Studien-berechtigte von außerhalb für ein Studium in Sachsen-Anhalt zu gewinnen. Sollte es nämlich dazu kommen, dass die große Zahl der einheimischen Studienplatzbewerber dann bevorzugt zum Zuge kommt und dadurch die auswärtigen Bewerber ferngehalten werden, wirddie erforderliche Öffnung der sachsen-anhaltischen Hochschulen konterkariert.
  13. Ein Mittel, um dem mit der Sondersituation von 2007 und 2008 verbundenen Risiko einer nahezu völligen Regionalisierung (bzw. „Provinzialisierung“) des Hochschulzugangs in Sachsen-Anhalt zu begegnen, könnte die Einführung „intelligenter“ Auswahlverfahren sein. Ein anderes Mittel ist es, für den doppelten Abiturjahrgang 2007 und die Bewältigung des erhöhten Betreuungsbedarfes in den neuen Bachelor-Studiengängen zusätzliche Lehr- und Personalmittel zur Verfügung zu stellen. Sie würden es den Hochschulen Sachsen-Anhalts erleichtern, sich nicht in ihren eigenen Problemen abzukapseln, sondern auch weiterhin weltoffen zu bleiben. Sie würden zugleich die Chance zu einem verstärkten Einstieg in Weiterbildungsaktivitäten eröffnen.
  14. Wenn ab 2010 verstärkt Studierende aus den alten Bundesländern (und dem Ausland) gewonnen werden müssen, um den erreichten Stand zu halten, ist zum einen die Kosten-frage zu klären möglicherweise unter Bezugnahme auf sog. „Bildungsgutscheine“. Zum anderen sind aber die Hochschulen Sachsen-Anhalts gefordert, sich selbst in eine so attraktive Verfassung zu bringen, dass sie an dem zu erwartenden innerdeutschen Zustrom partizipieren können.
  15. Schon jetzt ist erkennbar, dass in Deutschland insgesamt, auch in Sachsen-Anhalt, die weitere Erhöhung der Studierendenquote mindestens bis in die Nähe des derzeitigen OECD-Durchschnitts von 53% eines Altersjahrganges ein wichtiges Projekt sein wird.
  16. Dafür gilt es zum einen, neue akademische Studienfelder zu erschließen. Zum anderen ist es aber auch unerlässlich, neue Gruppen von Studienberechtigten zu gewinnen und dafür auch neue „zweite“ oder „dritte“ Bildungswege zu eröffnen. Und schließlich gilt es, Wege zu explorieren, wie Weiterbildung und Lebenslanges Lernen zu eigenen Säulen der Hochschulen werden können.
  17. Nachdem um das Jahr 2014 der starke Nachfragedruck aus den alten Bundesländern beendet sein wird, wird ab 2018 aus demografischen Gründen die Zahl der Studienanfänger im ganzen Bundesgebiet stark zurückgehen. 2019 soll auch der Solidarpakt II endgültig auslaufen. Die Frage nach Struktur und Aufgaben der Hochschulen wird sich deshalb gegen Ende des 2. Jahrzehnts in ganz Deutschland neu stellen. Spätestens dann wird der föderale Standortwettbewerb im Hochschulbereich voll zum Tragen kommen.
  18. Die Hochschulen Sachsen-Anhalts sollten sich schon jetzt, vor dem Eintreten der demo-grafischen Krise, auf diese neue Situation vorbereiten, um gerüstet zu sein, wenn es soweit ist.

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